Wenn die Angst vor dem eigenen sterben einen Namen bekommt: Thanatophobie.

Bis vor einigen Monaten wusste ich nicht einmal, dass es dieses Wort überhaupt gibt. Noch wusste ich, was es eigentlich bedeutet.Aber ich weiß, es macht mir Angst. Nicht dieses Wort, sondern das eigene sterben bzw. was wohl danach kommen könnte.

Ich arbeite in einem Berufsfeld, in dem "viel gestorben" wird. Dies war bisher nie ein Problem für mich. Im Gegenteil, ich habe mich gut gefühlt, weil ich weiß, dass ich diesen Menschen noch eine sehr schöne und hilfreiche Zeit bescheren und ihnen Freude bereiten konnte. Mein Job füllt mich aus und macht mich glücklich.

Doch vor einigen Monaten lag ich abends in meinem Bett und ... es war, als hätte jemand mein "Bewusstsein" eingeschaltet. Plötzlich fielen die Groschen und mit einem Schlag war mir klar, irgendwann muss auch ich sterben. Dies war mir zuvor schon bewusst, man sagt es ja oft genug einfach so daher aber an diesem Abend scheint genau das erst in meinem Hirn angekommen zu sein.

Panik brach aus. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein vergleichbares Gefühl erlebt. Ich wollte weg laufen. Egal wohin, Hauptsache weg. Mein Verstand hatte sich "Gott sei Dank" noch nicht verabschiedet und schaltete sich ein. Denn es ist egal, wohin ich laufen, der Tot bekommt mich überall. Also war weglaufen keine Option mehr. Mein nächster Impuls war, dass ich am liebsten raus gerannt wäre und meine Nachbarn wach geklingelt hätte, um ihnen "bewusst" zu machen, dass sie ja auch irgendwann sterben müssen. Die Vorstellung, diese Menschen zu packen und zu schütteln, damit sie "wach" werden, war sehr präsent. Doch der Verstand hat mich gerettet. Als ich mich irgendwann beruhigen konnte, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich langsam verrückt werde.

So ging es es viele Wochen und fast jeden Abend und immer dann, wenn ich zur Ruhe kommen wollte. Tagsüber fühlte ich mich natürlich alles andere als fit, wach und munter. Und auch meine sonstige Freude war irgendwie abhanden gekommen.

Das Leben, die Gesellschaft und das ganze System, hat für mich plötzlich keinen Sinn mehr ergeben. Kurzzeitig dachte ich, ich sei in einer midlife crisis. Bisher kannte ich diese jedoch nur von Männern und ich bin, mit meinen 33 Jahren,noch eindeutig zu jung dafür. Warum also bin ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich all diese komischen Dinge frage und meine wertvolle Zeit eigentlich mit so etwas "verschwende"? Ich finde leider keine Antwort darauf, noch nicht.

Wir Menschen sind eine "Wahnsinns Erfindung". Ohne die vielen schlauen Köpfe würde ich nun nicht hier sitzen und all das aufschreiben können - Was Menschen alles erreicht und erfunden haben, ist unfassbar.

Dennoch habe ich mich gefragt, warum wir auf die Welt kommen, wenn wir eh .... irgendwann wieder sterben werden. Man sagt, wir Menschen wären die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, dem bewusst sei, dass er sterben wird. Warum aber ist dann alles in uns, durch unsere Vorfahren und Gene, auf "Überleben" programmiert?

Vielleicht weiß mein Hund auch, dass er sterben wird und er geht nur anders damit um. Ich meine, er freut sich ja auch, wenn ich ihn stundenlang alleine Daheim warten lasse. Er freut sich einfach immer und ist nie schlecht drauf.

Ich habe mich gefragt; Wenn wir nur dieses einzige Leben haben, nur einmal die Chance, hier zu sein, warum muss man manchmal Dinge tun, zu denen man so einfach gar keine Lust hat? Warum quälen sich Menschen mit ihren Jobs, die sie nicht gerne machen und verschaffen sich dadurch selbst ein schlechtes Gefühl? Warum hält man Kontakt mit Menschen, die einem nicht gut tun ... Warum darf ich nicht einfach meiner Arbeit fern bleiben, weil ich in diesem Moment eine bessere und schönere Vorstellung davon habe, was ich gerne tun möchte?! Warum gibt es Armut und Reichtum, wenn doch für alle genug da ist. Unzählige "Warum´s" und Dinge, die ich noch nicht verstehen kann.

Die eigentliche Angst bleibt bei all diesen Fragen. Angst vor dem eigenen Tot. Ich habe keine Angst davor, wie es passiert oder wann, sondern vor dem "Nichts", was danach kommen könnte.

Ich bin nicht gläubig und auch keine "Eso - Tante". Ich habe mich nie mit so etwas beschäftigt. Im Gegenteil, ich wollte, dass meine Mutter mich vom Konfirmandenunterricht abmeldet, weil ich mir nicht zwei Jahre etwas anhören wollte, woran ich nicht glaube und was für mich "unrealistisch" ist. Ich bin zu sehr Realist, als das ich an etwas glauben könnte, dass wissenschaftlich nicht erforscht oder erwiesen ist. Oder etwas, was ich nicht selbst erlebt habe und als real empfinde. Viele Menschen in meinem Umfeld glauben an ein Leben nachdem tot oder daran, dass sie nochmal geboren werden, mit dem Grund, zu lernen. Daran habe ich jedoch nicht verstanden - Wenn ich immer wieder geboren werde, alles immer wieder von vorne lernen muss (sprechen, laufen, Sozialkontakte usw.) und dann wieder einmal sterben muss .... Was habe ich denn gelernt? Kann ich mir vorher aussuchen, wie ich zurück auf die Welt komme? Als Hund, Katze, Huhn oder reicher Mensch, der keinerlei Sorgen mehr hat, als Genie, der die genialsten Erfindungen macht?! Auch darin finde ich wenig Sinn. Dennoch wäre ich in meiner jetzigen Situation mehr als Dankbar an überhaupt etwas glauben zu können, damit diese Angst vor dem "Nichts" verschwindet.

Ich habe unglaublich viel gegoogelt. Google ist mittlerweile mein bester Freund geworden. Jedoch habe ich bisher nichts gefunden, was mich beruhigt oder mir zufriedenstellende Antworten geliefert hat. Ein Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht, ist schwer.

Ich fand eine Gruppe bei Facebook, die leider droht, einzuschlafen. Kommunikation gleich null.

Somit kam ich auf die Idee, einen Blog darüber zu erstellen, um meinen Weg zu schildern und auch in der Hoffnung, dass es Menschen gibt, mit denen man sich austauschen kann und die vielleicht schon einen Weg aus dieser lähmenden Angst gefunden haben.

 

Ein kleiner Vermerk: Bei der mobilen Ansicht müsst ihr oben auf "Menü" klicken - Dort findet ihr noch weitere Artikel.